Espositori

Reflexionen

Mit allen Sinnen sich öffnen. Erlebtes klären, Worte finden. Sich mit-teilen. Wenn es gelingt: eine Evokation von gewaltiger Kraft.

 

Ich habe mein ganzes Leben lang viel gelesen – alles mögliche, Sachbücher, Romane, Kurzgeschichten, Aphorismen,Theaterstücke,Gedichte. Gute Bücher, aber auch jede Menge Schrott. (Schrott lesen ist gar nicht so übel, vorausgesetzt, man merkt, was man da liest...) Lesen ist für mich eine selbstverständliche, notwendige und gewissermassen alltägliche Aktivität. Mit dem Schreiben ist es etwas anders. Auch damit habe ich relativ früh begonnen, aber stockend, in grossen Abständen. Und immer weggeschmissen, was sich in der nachträglichen Lektüre als unzureichend herausstellte. Nur zwei der frühen Gedichte haben für mich heute noch Bestand: „Mittag“ und „Undine“, da muss ich ungefähr 16 gewesen sein, als ich die schrieb...  Sachtexte schreibe ich leicht und schnell, es braucht dafür nur einen „Grund“ oder einen Auftrag. Anders bei Gedichten. Zu allermeist entstehen sie nach langen „Inkubationszeiten“. Ich glaube, nur ein einziges meiner Gedichte -  „Gäa“ - ist ganz spontan und „in einem Zug“ entstanden. Bei fast allen anderen hat es mit einem Wort oder einem Halbsatz begonnen. Dieses „Urmaterial“ taucht häufig in einer „Zwischensituation“ auf, während einer Auto- oder Zugfahrt zum Beispiel, oder während einer rein mechanischen Tätigkeit wie Schwimmen.... Ich notiere den Einfall, und dann bleibt er erstmal liegen, zum Gären, oder Keimen, wenn man so will. Manchmal nur ein paar Stunden oder Tage, aber es kann auch Monate oder sogar Jahre dauern, bis ich wieder darauf zurückkomme. Die verstrichene Zeit hat die damit verbundene Gefühlsregung nicht etwa gedämpft, aber der Abstand führt dazu, dass das Erlebte für mich sprachlich handhabbar wird... Und dann heisst es, überarbeiten, überarbeiten, überarbeiten – bis jedes Wort „sitzt“... Für mich persönlich ist Lyrik der Versuch, den präzisest möglichen sprachlichen Ausdruck für eine innere Erfahrung zu finden. Dabei spielen Wortbedeutungen, Assoziationen, Klänge und Rhythmen gleichermaßen eine Rolle. Der Prozess des Schreibens kann erst einsetzen, wenn eine gewisse innere Klärung stattgefunden hat. Das Ergebnis – das Gedicht – ist ein Mitteilen, ein Mit-Teilen, an den Leser. Ich teile etwas von dem, was ich erlebt und „gefunden“ habe. Es geht dabei nicht um das ursprüngliche Erlebnis. (Das ist und bleibt meins, und der Leser hat damit nichts zu schaffen.) Vielleicht geht es letztlich um die gemeinsame Teihabe am Wunder des Lebens, am Wunder der Sprache...

 

Auch bei den Fotos spielt dieses Motiv sicher eine Rolle. Wobei ich beim Fotografieren ganz auf das Schöne ausgerichtet bin (zugegeben, das ist ein sehr subjektiver Begriff). Ich bin – bis jetzt jedenfalls – kein Dokumentator des Elends. Mein grosses fotografisches Thema ist die Natur, mit ihrer unendlichen Vielfalt von Farben und Formen, dem Spiel von Licht und Schatten... Ich fühle mich von soviel Schönheit umgeben, ich kann das nicht für mich behalten... Auch beim Fotoportrait geht es mir in erster Linie um den „Landschaftsaspekt“ des Gesichts oder des Körpers.

 

Bei den Werkstücken (Skulpturen, Collagen, Installationen) spielen andere Dinge mit. Zumindest die eine oder andere Arbeit ist nach allgemeinen Begriffen sicher hässlich, oder erschreckend... Meistens verarbeite ich  Fundstücke. Ich sammle im Wald, am Strand oder auf der Strasse Dinge auf, die mich als schön, interessant oder bizarr anmuten. Manche verschwinden dann zuhause sofort in einem Karton, einer Schublade, andere liegen eine Weile in Körben oder auf Regalen herum, als Dekorationsstücke. Irgendwann fällt mein Blick wieder darauf, und von irgendwo kommt mir ein Einfall:  Ich fange an, sie hin und her zu wenden, ich arrangiere sie, setze sie mit anderen in einen manchmal unerwarteten oder sogar störenden Zusammenhang. Erst zum Schluss (wenn überhaupt) gebe ich dem Ganzen einen Namen.. Ich spiele gerne mit den Dingen, bin von Vielfalt der Möglichkeiten fasziniert, deshalb kommen auch oft Variationen über ein Thema zustande. Aber ich provoziere auch gern: Schau doch mal ganz anders hin! Du meinst, du kennst das schon, aber vielleicht täuschst du dich... Ich gehe nicht davon aus, dass der Betrachter unbedingt dieselben Anmutungen haben muss wie ich bei meinen „Arrangements“ – aber ich hoffe, dass ihn etwas daran stutzen macht, dass ihm etwas dazu einfällt... irgendein verquerer Gedanke vielleicht, der ihm ohne meine „Vorarbeit“ vielleicht nicht gekommen wäre...